Das normale Leben durchs Opernglas
Marianne Kolarik, Kölner Stadtanzeiger, Ende März 06
„Orgien in Arien“: Katharina Herb im Kölner Atelier-Theater.

„Wussten Sie, dass eine Opernsängerin kommt?“, fragt die in eine rote Robe aus verführerischem Bustier und Plastik-Mülltüten gehüllte Diva auf der Bühne des Atelier-Theaters. Nein, damit haben offensichtlich nicht alle Zuschauer gerechnet, obwohl der Titel des Programms „Orgien in Arien ... und andere klassische Höhepunkte“ durchaus in Richtung Gesang zielt. Dass die aus München kommende Katharina Herb den Auftritt angesichts ihrer starken Erkältung nicht abgesagt hat und mit nasaler Sprechstimme das Publikum verzauberte, dürfte in die Annalen der Kleinkunstbühne eingehen.

Ebenso erstaunlich, dass die Mezzosopranistin in der Lage ist, souverän in Sopranhöhen zu klettern. Sie hat es tatsächlich faustdick hinter den Ohren: Indem sie mit Witz und Verve eine Verbindung zwischen volkstümlichen Klängen wie Jodeln und klassischer Arien-Interpretation zieht, die äußere und innere Verwandlung einer Opernsängerin anhand von vielseitig einsetzbaren Wollsocken demonstriert und dabei eine Lektion in Opernlibretti hält („normales Leben durch das Opernglas betrachtet“), rückt sie gleichzeitig das Bild von der asketisch lebenden Sängerin zurecht. Hier steht eine Frau, deren Liebe zur Musik keine Grenzen kennt: was dazu führt, dass sie es sich traut, etwa die Registerarie „Don Giovanni“ mit Insterburg &Co-Texten zu versehen („Ich liebte ein Mädchen...), die Qualen des Gesangsunterrichts anhand von Chopins „Minutenwalzer“ zu demonstrieren oder Wagners Walkürenritt gemeinsam mit dem Publikum zu einer gemeinsamen Comedy-Performance zu machen.

In ihrem zweiten Programm zeigt Karharina Herb, dass man selbst indiisponiert „schwere“ klassische Musik, mit Leichtigkeit, Improvisationsgabe, Bühnenpräsenz und mimischer Originalität kombinieren kann. Heraus kommt ein prickelndes Gebräu, das sogar Opernverächter mundet.