Skandal im Vollmarhaus
„erotische eroperungen“:
Katharina Herb eropert ihr Publikum nicht nur mit der Stimme

Philipp Catterfeld, Münchner Merkur 10.04.03
„In 90 Prozent aller Opernarien geht es um Sex“, sagt Katharina Herb und den Beweis dafür liefert sie bei ihren „erotische eroperungen“ schon in den Hosenrollen: Ob als stolzer Torero in Bizets „Carmen“ oder als Händels Xerxes, der mit „Ombra mai fu“ die Schönheit von Astlöchern besingt. Doch was Regisseure oder mangelnde Sprachkenntnisse in uns unerweckt schlummern lassen, wenn Katharina Herb als feurige Carmen uns mit „La Séguedille“ das, wie sie sagt: „Hirn in die Hose manipuliert“, oder bei der „Habanera“ das Publikum auslacht, wenn das einstudierte Mitklatschen zu früh kommt – ihr Charme, ihr Witz, ihre Stimme: Hot, hot, hot.

Arien singen und nebenbei allerlei Unfug treiben, das sind die beiden Stärken dieser klassisch ausgebildeten Opernsängerin, egal ob ihr als Beate-Uhse-Olympia-Puppe in „Les contes d’Hoffmann“ kurz vor dem Höhepunkt die Luft ausgeht, oder ob sie als Dalila im schwarzen Latex-Overall durch das Publikum tigert, um sich Peitsche schwingend einen Samson zu suchen.

Ergreifend ist sie zwar auch als Dido in „Dido and Aeneas“ und als Cold Genius in „King Athur“ – beides Opern von Henry Purcell –, allein es irritiert das letzte Kostüm an diesem Körper, der übrigens alle Opernklischees Lügen straft. Hatte sich nicht schon Sarah Connor bei ihrem skandalumwitterten Auftritt in „Wetten dass ...?“ beschwert, dass ihr niemand zugehört hat? Auch im Vollmarhaus mussten einige ein paar Mal tief durchatmen, um bei „Libiamo“ in Verdis „La Traviata“ wieder ihre Verwandlungsfähigkeit und ihre Schauspielkunst, bei „O sole mio“ ihren unbefangen Umgang mit den Publikum und zuletzt bei „I Did It My Way“ ihre Mezzosopran-Stimme ohne Mikrofon zu bewundern.
Danach Applaus, Bravos, stehende Ovationen. Das kann doch nur bedeuten: Erotisch eropern – besser ohne Mikrofon als ohne Höschen.